Nach einem dramatischen Einbruch, insbesondere 2008 und 2009, wird sich der europäische Wohnungsbau ab diesem Jahr wieder etwas beleben. Auf einen Anstieg von knapp 2 % im Jahr 2011 dürften Zuwächse von etwa 2,5 % 2012 bzw. von rund 3 % 2013 folgen. Dies ergab eine Auswertung der Ergebnisse der Euroconstruct-Sommerkonferenz 2011.
Insgesamt dürften europaweit gesehen in diesem Jahr Bauleistungen in Höhe von 1,3 Billionen Euro (in den Preisen von 2010) erbracht werden. Davon eingeschlossen sind jedoch auch Tätigkeiten von Firmen des Baugewerbes sowie dem Montagebau und Baunebenkosten, wie z.B. Architekten- und Ingenieurdienstleistungen. Die europäische Bauwirtschaft hat gerade einen historischen Nachfrageeinbruch hinter sich. 2007 erreichten die Baumaßnahmen noch einen Umfang von mehr als 1,53 Billionen Euro. Allein in den drei darauf folgenden Jahren vollzog sich dann jedoch ein Rückgang von rund 15 %. Für das laufende Jahr prognostizieren die Bauexperten ein Minus von lediglich einem halben Prozent. In absoluten Werten betrug der Rückgang der Bauleistungen in den 19 Euroconstruct-Ländern in den Jahren 2008 bis 2010 insgesamt rund 200 Milliarden Euro.
Die letzte Baukrise war vor allen Dingen eine Krise des Wohnungsbaus. In etlichen Ländern wurden bis 2007, stimuliert durch niedrige Zinsen, hohe Inflationsraten und kräftig steigende Immobilienpreise, massiv in den Neubau von Wohnungen investiert. Die dann eintretende Finanz- und Wirtschaftskrise setzte dem Wohnungsbauboom jedoch ein Ende.
Auf Grund der Finanzkrise ging die Wohnungsnachfrage in Europa spürbar zurück. Europaweit wurden 2010 nur noch 566 Milliarden Euro in Wohnungen investiert. Die europäischen Wohnungsbauinvestitionen schrumpften damit in nur drei Jahren um fast 160 Milliarden Euro bzw. um mehr als ein Fünftel. Der mit Abstand größte Teil dieser Einbußen (rund 150 Milliarden Euro) entfiel auf den Neubaubereich. Die Bauleistungen in diesen Teilsegmenten wurden in den Jahren 2008 bis 2010 um insgesamt 40 % zurückgefahren. Zwar dürfte der Wohnungsbau in Europa 2011 wieder um knapp 2 % zulegen (Neubau + 3,5 %); in Irland (-9,3 %), Portugal (- 5,2 %) und Spanien (-3,7 %) sind jedoch weitere Rückgänge des Wohnungsbauvolums zu erwarten.
Die europäische Baukrise wurde durch die negative Entwicklung im Nichtwohnungsbau noch verstärkt. Angesichts der nachlassenden weltweiten Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen beschränkten die vorwiegend gewerblichen Auftraggeber ihre Investitionen deutlich ein. Dies führte zu einem Rückgang allein im Jahr 2009 von knapp 10 % des Bauvolumens im Nichtwohnungsbau. Etwa zur gleichen Zeit kamen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise im Tiefbau an. Zusätzliche Finanzmittel zur Konjunkturstimulierung wie z.B. in Norwegen und Schweden sowie in Tschechien trugen dazu bei, dass das europäische Tiefbauvolumen 2009 jedoch ein wenig zunahm. Nach zwei Jahren mit jeweils bescheidenen Wachstumsraten gingen die Tiefbauleistungen in Europa schließlich zurück. Den mit Abstand größten Beitrag zu dieser negativen Entwicklung lieferte Spanien. Dort wurden die Tiefbauaktivitäten um 9 Milliarden Euro oder um 16,5 % zurückgefahren. Im Jahr 2011 wird das Tiefbauvolumen voraussichtlich um etwa 24 Milliarden Euro unter dem Niveau von 2009 liegen. Dagegen dürfte der Nichtwohnungsbau in den Jahren 2009 bis 2011 insgesamt um stolze 74 Milliarden Euro nachgeben.
Am bedeutendsten ist jedoch der kolossale Einbruch bei den europäischen Wohnungsbauleistungen. In den Jahren 2008 bis 2010 verringerten sich die Wohnungsbauleistungen um knapp 160 Milliarden Euro auf gut 560 Milliarden Euro. Dennoch ist ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen. Im drei-jährigen Prognosezeitraum bis 2013 dürften die Wohnungsbauleistungen in Frankreich am stärksten zulegen (kumuliert + 12 %), gefolgt von Deutschland (kumuliert + 8,5 %) und Italien (kumuliert + 5 %). In Großbritannien bleibt die Wohnungsbaukonjunktur in den nächsten Jahren noch äußerst fragil. Zwar standen in 2010 deutlich mehr Mittel für den Sozialwohnungsbau zur Verfügung, inzwischen wurden die öffentlichen Investitionen allerdings deutlich zusammengestrichen.
In den vier kleineren westeuropäischen Ländern Belgien, Niederlande, Österreich und der Schweiz zeigen sich ganz unterschiedliche Konjunkturverläufe. Während in Österreich 2011 die Wohnungsbauleistung auf dem Vorjahresniveau stagnieren dürfte, erwarten die Experten in den Niederlanden bereits eine kräftige Belebung. Der Rückgang in den Jahren 2009 und 2010 bildete anscheinend lediglich eine vorübergehende Zäsur. In Belgien und der Schweiz wird der Wohnungsbau im Prognosezeitraum im Durchschnitt um jeweils 2 % pro Jahr zunehmen. Am stärksten in dieser Vierer-Gruppe ist die Entwicklung in den Niederlanden verlaufen (durchschnittlich +4,3 % p. a.); am schwächsten dagegen in Österreich (durchschnittlich + 0,7 % p.a.).
In Polen Slowakei, Tschechien und Ungarn müssen noch erhebliche Bauaktivitäten geleistet werden, um in der Wohnungsversorgung das durchschnittliche westeuropäische Niveau zu erreichen. In Polen verläuft nicht nur die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung sondern auch die Entwicklung der Wohnbautätigkeit wesentlich gleichmäßiger als in den drei übrigen osteuropäischen Ländern. Dort brachen die Wohnungsbauinvestitionen um insgesamt jeweils rund ein Viertel in Tschechien und Ungarn in den Jahren 2009 und 2010 sowie um rund 30 % in der Slowakei ein. In Polen lagen dagegen die Wohnungsbauaktivitäten 2010 unter 2 % unter dem Wert des Jahres 2008. Für den Zeitraum der Jahre 2011 bis 2013 erwarten die Experten eine Erhöhung der Wohnungsbauaktivitäten von rund 4 % im Durchschnitt.
Bei den Wohnungsfertigstellungen macht sich die Wirtschaftskrise erst mit einer Zeitverzögerung bemerkbar. 2011 dürfte mit knapp 1,43 Millionen Wohneinheiten der Tiefpunkt erreicht werden. Im Krisenjahr 2009 kamen fast eine halbe Million Neubauwohnungen mehr auf dem Markt. Der europaweite Durchschnitt liegt in diesem Jahr bei gut drei Fertigstellungen je 1000 Einwohner gegenüber der Rangfolge. Für 2010 hat sich Deutschland mit einer Quote von rund zwei Wohneinheiten je 1000 Einwohner (2010: 1,8) mittlerweile auf dem 14. Platz etabliert.