RWI-Gutachten: Multiplikator- und Beschäftigungswirkungen von Bauinvestitionen

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung Essen hat im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die gesamtwirtschaftlichen Produktions- und Beschäftigungswirkungen von zusätzlichen Bauinvestitionen in Höhe von 1 Mrd. Euro untersucht, darüber hinaus die fiskalischen Effekte dieser zusätzlichen Nachfrage.

Die Berechnungen wurden jeweils separat für fünf abgegrenzte Baubereiche vorgenommen. Bei den Produktions- und Beschäftigungswirkungen erfolgt die Berechnung in drei Schritten:

  • Der „direkte Effekt“ ergibt sich jeweils im Baugewerbe selbst.
  • Der „indirekte Effekt ohne Kreislaufeffekt“ ergibt sich durch die Vorleistungsverflechtungen des Baugewerbes mit anderen Branchen; durch die zusätzliche Nachfrage des Baugewerbes wird in diesen Branchen Produktion und Beschäftigung generiert.
  • Der „indirekte Effekt mit Kreislaufeffekt“ beruht auf der Annahme, dass der Anstieg der Beschäftigung zu einem zusätzlichen Nettoeinkommen führt und damit die Konsumnachfrage erhöht. Zudem führt die zusätzliche Nachfrage des Baugewerbes bei den vorgelagerten Bereichen ebenfalls zu einer zusätzlichen Nachfrage nach Investitionsgütern, die sich ihrerseits auf Produktion und Beschäftigung in Investitionsgüterbranchen auswirkt.

Basis der Berechnung sind die Input-Output-Tabellen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2007. Diese Tabellen zeigen detailliert die Verflechtungen zwischen insgesamt 71 Produktionsbereichen bzw. Gütergruppen. Alle nachfolgenden Berechnungen beziehen sich auf das Jahr 2007. Obwohl sich Baumaßnahmen teilweise über mehrere Jahre erstrecken können, wird im Rahmen der Modellrechnung die Wirkung auf ein Jahr „verdichtet“.

Das Modell geht von der Annahme aus, dass die vorhandenen Produktionskapazitäten vollständig ausgelastet sind. Um den Impuls zusätzlicher Bauinvestitionen zu verarbeiten, werden daher zusätzliche Arbeitskräfte und Produktionsanlagen benötigt.

Die aktuelle Studie des RWI knüpft an frühere Untersuchungen aus den Jahren 2001 bis 2004 an. Sie ist allerdings wesentlich detaillierter, zudem werden erstmals gesonderte Ergebnisse für Tiefbauinvestitionen ausgewiesen.

Produktionswirkungen

Der direkte Produktionseffekt zusätzlicher Bauinvestitionen in Höhe von 1 Mrd. Euro fällt in jeder der betrachteten Bausparten gleich aus. Ausschlaggebend für den indirekten Effekt ohne Kreislaufeffekt ist die jeweilige Produktionstechnologie in den einzelnen Bausparten. Je höher die Wertschöpfungsintensität ist, desto geringer ist der Anteil der Vorleistungen am Produktionswert.

Die wichtigsten industriellen Vorleistungsbranchen der fünf Bauarten sind die Bereiche Keramik und bearbeitete Steine und Erden, Geräte der Elektrizitätserzeugung und -verteilung, Metallerzeugnisse, Holz und Holzwaren sowie Kunststoffwaren. Aus dem Dienstleistungssektor zählen zu den wichtigsten Vorleistungsbranchen die unternehmensbezogenen Dienstleistungen, Dienstleistungen des Grundstücks- und Wohnungswesens, Handelsvermittlungs- und Großhandelsdienstleistungen, Dienstleister der Vermietung beweglicher Sachen sowie Leistungen der Kreditinstitute.

Je nach Bausparte ergeben sich unterschiedliche Vorleistungsstrukturen. Die indirekten Effekte je 1 Mrd. Euro Bauinvestitionen liegen zwischen 775 Mio. Euro beim Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern und 908 Mio. Euro im Gewerblichen Hochbau. Gewichtet mit den Anteilen der einzelnen Bausparten an den Bauinvestitionen des Jahres 2007 ergibt sich ein „durchschnittlicher indirekter Effekt“ von 824 Mio. Euro (eigene Berechnungen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie).

Der zusätzliche indirekte Effekt mit Kreislaufeffekt (Einkommensverwendungswirkungen bzw. zusätzlich nachgefragte Investitionsgüter in den Vorleistungsbranchen) liegt zwischen 581 Mio. Euro beim Bau von Mehrfamilienhäusern und 684 Mio. Euro im Gewerblichen Hochbau. Der Durchschnittswert beträgt hier 620 Mio. Euro.

Die einer zusätzlichen Baunachfrage gesamten Produktionswirkungen in Höhe von 1 Mrd. Euro liegen somit zwischen 2.359 Mio. Euro beim Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern und 2.552 Mio. Euro im Gewerblichen Hochbau (Durchschnittswert: 2.444 Mio. Euro). Der Multiplikator liegt zwischen 2,36 und 2,59, mit einem Durchschnittswert von 2,44. Das heißt: bezogen auf das Jahr 2007 und die Struktur der Bauinvestitionen in diesem Jahr führten zusätzliche Bauinvestitionen in Höhe von 1 Mrd. Euro zu einer gesamtwirtschaftlichen Produktionssteigerung von 2,444 Mrd. Euro (Tabelle 1 der Anlage).

 

Beschäftigungswirkungen

Anders als bei den Produktionswirkungen fällt der direkte Effekt zusätzlicher Bauinvestitionen im Baugewerbe je nach Bausparte unterschiedlich aus. Ermittelt wird dieser Effekt als Verhältnis von Produktionswert zur Zahl der Erwerbstätigen. Relativ hoch ist die direkte Wirkung in den beiden Sparten des Wohnungsbaus mit 11.577 Erwerbspersonen, am geringsten im Gewerblichen Hochbau mit 8.459. Durchschnittlich liegt im Baugewerbe die Beschäftigungswirkung bei 10.442 Personen je 1 Mrd. Euro zusätzlicher Bauinvestitionen.

Anders sehen die Relationen beim indirekten Effekt ohne Kreislaufeffekt aus. Dieser ist bei Ein- und Zweifamilienhäusern mit 5.279 zusätzlichen Beschäftigten in den Vorleistungssektoren am geringsten, im Gewerblichen Hochbau mit 6.041 Personen am höchsten. Der Durchschnittswert liegt bei 5.562 Erwerbspersonen.

Beim indirekten Effekt mit Kreislaufeffekt pendeln die Werte der zusätzlichen Beschäftigung zwischen 5.641 beim Mehrfamilienhausbau und 6.553 im Gewerblichen Hochbau. Als Durchschnittswert ergibt sich hier eine zusätzliche Beschäftigung von 5.987 Erwerbspersonen.

Der Gesamteffekt auf dem Arbeitsmarkt liegt je nach Bausparte zwischen 21.053 und 22.526 zusätzlichen Erwerbspersonen, der Durchschnittswert bei 21.911. Der Multiplikator (gesamte zusätzliche Beschäftigung in Relation zur zusätzlichen Beschäftigung im Baugewerbe) variiert von 1,94 bis 2,49. Der Multiplikator für die durchschnittliche Beschäftigungswirkung einer zusätzlichen Baunachfrage von 1 Mrd. Euro (gewichtet mit den Anteilswerten des Jahres 2007) liegt bei 2,1 (Tabelle 2 der Anlage).

 

Fiskalische Effekte

Mit einer zusätzlichen Nachfrage nach Bauleistung in Höhe von 1 Mrd. Euro sind beträchtliche fiskalische Effekte verbunden. Die Steuermehreinnahmen sollen – im Durchschnitt aller Bausparten - bei 259,5 Mio. Euro liegen. Gleichzeitig kommt es nach den Modellberechnungen zu zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträgen von 148,7 Mio. Euro. Die addierten staatlichen Mehreinnahmen betragen somit 408,2 Mio. Euro (Tabelle 3 der Anlage).

 

Zusätzlich erstellte das RWI eine Fiskalbilanz für kreditfinanzierte öffentliche Bauinvestitionen. Annahme ist hier, dass für zusätzliche öffentliche Investitionen von 1 Mrd. Euro die Kreditaufnahme entsprechend erhöht werden muss. Die damit verbundenen Zinsausgaben von 258 Mio. Euro erhöhen die gesamten staatlichen Ausgaben für den Nachfrageimpuls auf 1.258 Mio. Euro. Dem stehen staatliche Mehreinnahmen (Steuern und Sozialversicherungsbeiträge) sowie Minderausgaben (Versicherungsleistungen und Sozialleistungen) in Höhe von 584,8 Mio. Euro gegenüber. Das RWI ermittelt somit eine „Selbstfinanzierungsquote“ von 46,5 % (Tabelle 4 der Anlage).

Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen e.V.

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