Pressemeldung

Auf das Eigentliche fokussieren

Baurundblick im Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen
Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen

Deutschland braucht weniger Bürokratie, wettbewerbsfähige Energiepreise, eine modernere Infrastruktur und auch schnellere Genehmigungsverfahren. Wo sehen Sie für Niedersachsen den Schlüssel, um den Reformbedarf umzusetzen?

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler: Reformen scheitern oft daran, dass Beteiligte das Problem unterschiedlich einschätzen. Wir müssen also zunächst zu einem gemeinsamen Verständnis unserer Herausforderungen kommen und sollten uns bei Lösungsansätzen auf das Eigentliche fokussieren – schneller Bauen. Im öffentlichen Bereich betrifft dies vor allem den Abbau gesetzlicher Hürden zur Erleichterung von Genehmigungsverfahren und der klaren Regelung von Zuständigkeiten. Das ist uns in Niedersachsen mehrfach gelungen: Die „Umbauordnung“ als Bestandteil der 2024 novellierten NBauO ist ein sehr gutes Beispiel. Ebenso wie die Charta für den Straßenbau in Niedersachsen, die im November 2025 federführend unter Minister Grant Hendrick Tonne von verschiedenen Akteuren unter zeichnet wurde und die direkt in den „Runder Tisch Straßenbau“ mündete – als gemeinsames Bekenntnis zu einer partnerschaftlichen und effektiveren Zusammenarbeit, um die Investitionsmittel aus dem bundesweiten „Sondervermögen Infrastruktur“ schnell in niedersächsische Verkehrsprojekte umzusetzen. Die Ingenieurkammer ist Mitunterzeichnerin und Teilnehmende, denn wir wissen, dass die Qualität eines Bauwerks nicht nur auf der Baustelle entschieden wird, sondern mit einer guten Planung beginnt.

Auch die Ingenieurkammer nimmt am Bündnis für bezahlbares Wohnen teil. In der Arbeitsgruppe 10 „Niedersächsischer Weg zum erleichterten und kostengünstigen Bauen“ wurde jetzt der Abschluss bericht verfasst. Sie fordern, dass der Wohnungsbau in Niedersachsen mehr Tempo aufnehmen und von den hohen Kosten wegkommen muss. Wie soll dies letztlich gelingen?

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler: Um Wohnraum schneller und wirtschaftlicher zu schaffen, sind strukturelle Anpassungen entlang des gesamten Planungs- und Bauprozesses erforderlich. Wir müssen wieder einfacher bauen! Die Überprüfung bestehender Baustandards ist ein wesentlicher Kostenhebel. Viele normativ empfohlene Ausführungen gehen über das für funktionales und dauerhaftes Wohnen Erforderliche hinaus. Der Gebäudetyp E ist ein wichtiges Instrument, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Hier muss jetzt Rechtssicherheit im Umgang mit technischen Regelwerken geschaffen werden. Ein bewusster Verzicht auf überzogene Ausstattungs- und Komfortstandards, die für die Gebäudesicherheit nicht notwendig sind, kann die Baukosten im Neubau signifikant senken. Die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren ist dabei ein wichtiger Aspekt. Komplexe Regelwerke und uneinheitliche Auslegungen führen zu erheblichen Zeitverlusten und Kostensteigerungen. Die Qualität der Bauvorlagen erhöhen, bestehende Möglichkeiten zur Abweichung von DIN-Normen, das Mitteilungsverfahren nach NBauO stärker an wenden sind Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Digitale Verfahren tragen zusätzlich zur Effizienzstei gerung bei.

Wie sehen Sie die Arbeitsmarktlage für Ingenieure in Niedersachsen; werden genug Ingenieure ausgebildet?

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler: Die Beschäftigungsmöglichkeiten für Bauingenieurinnen und Bauingenieure in Niedersachsen sind aktuell sehr gut, keine Frage. Die Nachfrage nach qualifizierten Bauingenieurinnen und -ingenieuren bleibt anhaltend hoch und wir können den Bedarf schon heute kaum decken. Wir bemerken dies in den Ingenieurbüros und auch den öffentlichen Verwaltungen. Offene Stellen bleiben häufig über Monate unbesetzt und es wird zunehmend schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden. Sinkende Studienzahlen und demografische Effekte verstärken diese Situation zusätzlich; die Absolvierendenzahlen werden die altersbedingten Abgänge in den kommenden Jahren kaum kompensieren können. Wir benötigen kontinuierlich mehr Ingenieurinnen und Ingenieure. Dem müssen wir mit gezielter Stärkung des Bauingenieurberufs, besseren Studienbedingungen und frühzeitiger Berufsorientierung auch in den Schulen entgegenwirken. Junge Menschen durch Sinn, Erlebnis und Vorbilder zu begeistern, neugierig zu machen für Ingenieurberufe, die Probleme lösen wollen und Technik nutzen, um die Welt besser zu machen, ist der beste Weg, um das Interesse an einem Ingenieurstudium zu wecken.

Inwieweit wird KI das Berufsbild der Ingenieure und Ingenieurinnen verändern?

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler: Künstliche Intelligenz verändert das Ingenieur berufsbild strukturell. Sie ersetzt die Planenden nicht, sondern verschiebt Tätigkeiten, erweitert Kompetenzprofile und erhöht die fachliche wie ethische Verantwortung. Routineaufgaben wie Berechnungen, Simulationen oder Standardplanungen werden zunehmend automatisiert, die Tätigkeiten werden datengestützer. Das führt zu effizienteren Projekten, aber auch zu einer stärkeren Rolle von Überwachung und Qualitäts sicherung durch die Planenden. Denn beim Einsatz KI-gestützter Werkzeuge gilt unverändert: Die Verantwortung für die Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit eines Bauwerks verbleibt stets bei den planenden und prüfenden Ingenieurinnen und Ingenieuren. Insgesamt wird das Berufsbild anspruchsvoller. Fachkenntnis, Erfahrung und kritisches Denken sind unerlässlich, um die Plausibilität rechnerischer Ergebnisse zu bewerten und diese mit den tatsächlichen Anforderungen und Randbedingungen vor Ort abzugleichen. Ergebnisse KI-basierter Berechnungen können das ingenieurmäßige Urteilsvermögen nicht ersetzen, sondern dienen als unterstützendes Hilfsmittel im Planungsprozess. Das erfordert, dass wir unsere digitalen Kompetenzen ständig erweitern. Kenntnisse in Datenanalyse, Programmierung und im Umgang mit KI-Tools werden somit immer wichtiger.

Wo sehen Sie die Ingenieurkammer in den nächsten 10 Jahren?

Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler: Wir sind eine wachsende Kammer. Insofern hoffe ich auf ein starkes Fundament an engagierten Ingenieurinnen und Ingenieuren auch in 10 Jahren. Wir wirken bereits heute bei Gesetzen, Verordnungen und Beratungen zu technischen Standards mit. Unser Ziel ist es, unsere Stimme in der politischen Landschaft noch stärker und sichtbarer einzubringen. Denn die gesellschaftlichen Aufgaben für Ingenieurinnen und Ingenieure sind vielfältig und stark von globalen Herausforderungen geprägt. Sie gehen weit über das klassische Planen und Bauen hinaus und betreffen zentrale Fragen unserer Lebensweise. Entbürokratisierung und der Abbau von Genehmigungsvorbehalten und anderen Investitionshemmnissen müssen dabei einhergehen mit geeigneten Berufsrechtsvorbehalten und weiteren qualitätssichernden Maßnahmen. Bereits jetzt übernimmt die Kammer immer mehr staatliche Aufgaben, dies wird zukünftig steigen. Die Ingenieurkammer als berufsständische Selbstverwaltung steht mit hoher fachlicher Expertise und Kompetenz sehr gern bereit.