Pressemitteilung im Detail

Berufsausbildung am Bau genießt ein hohes Ansehen - Interview im BAURUNDBLICK

Im Gespräch mit Dr. Gerhard Mudrack, Mitglied des Vorstands, SOKA-BAU, Wiesbaden

In der jetzt schon dritten Studie nach 2012 untersuchen schubweise FAZ-Business-Media / Research und SOKA-BAU erneut die Einstellungen, Erwartungen und Pläne junger Berufsanfänger aus der Baubranche im Hinblick auf ihre Ausbildung und ihre Karriere. Was ist die Hauptaussage der aktuellen Studie?

 

1. In der jetzt schon dritten Studie nach 2012 untersuchen schubweise FAZ-Business-Media / Research und SOKA-BAU erneut die Einstellungen, Erwartungen und Pläne junger Berufsanfänger aus der Baubranche im Hinblick auf ihre Ausbildung und ihre Karriere. Was ist die Hauptaussage der aktuellen Studie ?

Sehr erfreulich ist, dass die Berufsausbildung am Bau ein hohes Ansehen genießt. 94 Prozent der befragten Auszubildenden äußerten sich (sehr) zufrieden mit ihrer Ausbildung. Den entscheidenden Beitrag zu diesem positiven Ergebnis leisten die ausbildenden Betriebe: 93 Prozent der befragten Azubis sind mit ihrem Ausbildungsbetrieb (sehr) zufrieden. Dagegen hat die positive Bewertung der Berufsschulen etwas abgenommen. Das könnte damit zu erklären sein, dass die Coronapandemie eine angemessene schulische Ausbildung teilweise verhindert hat, was häufiger zu Unzufriedenheit führt. Den größten Zufriedenheitszuwachs verzeichnen die überbetrieblichen Ausbildungszentren: 87 Prozent der Azubis sind damit aktuell (sehr) zufrieden. Das Top-Berufsziel für die kommenden zehn Jahre ist für die befragten Azubis ein gutes Gehalt (88 Prozent). Bereits vor fünf beziehungsweise zehn Jahren belegte dieser Aspekt den Spitzenplatz (2017: 85 Prozent; 2012: 89 Prozent). Daneben streben die befragten Auszubildenden einen sicheren Arbeitsplatz (79 Prozent) und berufliche Weiterqualifizierung (71 Prozent) an. Während die Arbeitsplatzsicherheit – vermutlich bedingt durch die gute Baukonjunktur – im Laufe der vergangenen zehn Jahre unter den Azubis etwas an Bedeutung verloren hat, hat der Wunsch nach Weiterqualifizierung dagegen seit 2012 zugenommen. Anhand dieser Beispiele zeigt sich, dass die Bindung an einen einzigen Arbeitgeber bei den Befragten zugunsten der persönlichen Entwicklung abnimmt. Jeweils jeder zehnte Azubi plant, seinen Arbeitgeber zu verlassen oder die Branche zu wechseln. Vor dem Hintergrund des sich intensivierenden Fachkräftemangels sollte die Baubranche dieser Entwicklung entgegensteuern.

2. Weshalb entscheiden sich junge Menschen für eine Berufsausbildung am Bau?

Spaß an der Tätigkeit und gute Berufsperspektiven sind laut der aktuellen Studie für jeweils über 90 Prozent der Befragten die wichtigsten Entscheidungskriterien für eine Lehre auf dem Bau. Die Nähe zwischen Wohnort und Ausbildungsbetrieb und privater Nutzen der erlernten Tätigkeit spielen eine ähnlich große Rolle.

3. Aus Sicht der Baufirmen verlässt leider ein hoher Prozentsatz der ausgebildeten Arbeitnehmer das Bauhauptgewerbe. Sehen Sie auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Baubranche eine Chance für „Rückkehrer“?

Mehr als die Hälfte der befragten Ex-Bauprofis verließ die Branche, weil sie sich in ihrem damaligen Unternehmen nicht wohlfühlten. Jeweils ein Viertel verlor im Laufe der damaligen Tätigkeit die Lust an der Arbeit oder entschied sich aus gesundheitlichen Gründen gegen die Branche. Dennoch können sich 43 Prozent der Ex-Bauprofis eine Rückkehr vorstellen. Wer in die Bauwirtschaft zurückgekehrt ist, bereut diesen Schritt meist nicht. Zwei Drittel berichten von einer verbesserten Arbeitssituation am Bau im Vergleich zu früher.

4. Sind die jungen Leute ausreichend informiert über die hervorragenden Qualifikationsmöglichkeiten im Bauhauptgewerbe?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass den Befragten die Weiterbildungsmöglichkeiten der Bauwirtschaft bekannt sind und viele diese auch nutzen möchten. Jeweils 71 Prozent der befragten Azubis und Bauprofis planen, sich in den kommenden zehn Jahren beruflich weiterzubilden. Jeweils zwei Drittel beider Gruppen streben dabei den Abschluss als Meister an. Jeweils rund ein Drittel der befragten Nachwuchskräfte und Fachkräfte wollen Polier werden. Ein Studium planen ein Viertel der befragten Azubis und etwas weniger als 20 Prozent der befragten Bauprofis, wobei das Interesse bei Letzteren allerdings abzunehmen scheint. Durch die sehr gute Baukonjunktur entscheiden sich möglicherweise mehr Beschäftigte gegen ein Studium, um weiterhin im Betrieb zu arbeiten. Die Aufstiegsfortbildung der Bauwirtschaft bietet viele Möglichkeiten, um sich ohne Studium fortzubilden und Karriere in der Bauwirtschaft zu machen. Offensichtlich besteht in der Branche aber im Weiterbildungsbereich grundsätzlich ein Nachholbedarf.

5. Woran machen Sie das fest und was kann dagegen getan werden?

Eine regelmäßige Umfrage zur Weiterbildung in Unternehmen zeigt z. B., dass unterdurchschnittlich viele Unternehmen des Baugewerbes den Beschäftigten Weiterbildungsangebote machen. Auch ist die Zahl der Meisterabschlüsse in den Bauberufen über lange Zeit stärker gesunken – trotz starken Beschäftigungsaufbaus. Dass die Baubetriebe mehr in diesem Bereich tun sollten, also grundsätzlich eine entsprechende Nachfrage da ist, zeigen die Statistiken und Umfragen zum Fachkräftemangel in der Baubranche. Es werden nämlich nicht nur Fachkräfte im engeren Sinn dringend gesucht, also Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung, sondern auch sog. Spezialisten, also Arbeitnehmer, die fachlich komplexe Tätigkeiten ausführen können, die eine Weiterbildung erfordern. Hierzu zählt z. B. die Meisterausbildung. Die Bundesagentur für Arbeit stuft den Engpass z. B. im Tiefbau in beiden Qualifikationsbereichen ähnlich gravierend ein, für beide wird deutschlandweit sogar der stärkste Engpass aller Berufe festgestellt. Das äußert sich z. B. darin, dass offene Stellen äußerst lange vakant sind. Auch im Bereich der Weiterbildung spielt vermutlich eine Rolle, dass wir zu einem sehr großen Teil Klein- und Kleinstbetriebe in der Baubranche haben – rund 80 Prozent der Betriebe haben weniger als zehn Mitarbeiter – und die Weiterbildungsangebote der Betriebe typischerweise mit zunehmender Betriebsgröße ansteigen. Die Betriebe schrecken vermutlich auch aufgrund der relativ hohen Fluktuation der Beschäftigten davor zurück, in ihre Weiterbildung zu investieren. Eine mögliche Lösung wäre die gemeinschaftliche Finanzierung der Weiterbildung – genau so, wie es in der Baubranche schon äußerst erfolgreich in der Ausbildung gemacht wird. Alle Baubetriebe würden sich an der Finanzierung der Weiterbildung beteiligen und die Betriebe, die ihre Beschäftigten weiterbilden, bekommen einen Teil dieser Kosten erstattet.

6. Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie bei der Gewinnung von Fachkräften?

Grundsätzlich bleibt der Branche das Problem des Fachkräftemangels mittelfristig erhalten. Wir haben bereits seit einigen Jahren die Herausforderung, dass die Zahl der Neurentner die Zahl der neuen Azubis übersteigt und damit Quereinsteiger in die Branche geholt bzw. Rückkehrer in die Branche zurückgeholt werden müssen. Für die kommenden Jahre ist ein weiterer Anstieg der Zahl der Neurentner aufgrund des demographischen Profils vorgezeichnet, der Bedarf an neuen Azubis und Fachkräften von außen wird also weiter steigen. Umso wichtiger ist es z. B. im aktuellen Umfeld, Flüchtende für die Branche zu gewinnen, so wie uns dies bereits im Rahmen der letzten großen Flüchtlingswelle gelungen ist. Schätzungen (z. B. durch das UN-Flüchtlingskommissariat) gehen mittlerweile von mehr als acht Millionen Flüchtenden aus der Ukraine aus, von denen – allein aufgrund der großen geographischen Nähe – ein großer Teil in Deutschland bleiben wird. Dabei ist es wichtig, dass die Betriebe bei der Integration unterstützt werden, hierzu steht z. B. das Programm Berufsstart Bau zur Verfügung, das junge Leute an eine Bau-Ausbildung heranführt.