News/Pressemitteilung

Wir stellen uns auf raue Zeiten ein

Im Gespräch mit Dipl.-Ing. Thomas Echterhoff, Präsident des Bauindustrieverbandes Niedersachsen-Bremen.

Präsident Dipl.-Ing. Thomas Echterhoff
Präsident Dipl.-Ing. Thomas Echterhoff

 

Wie beurteilen Sie die baukonjunkturelle Lage in Deutschland?

Thomas Echterhoff: Der anhaltende Krieg in der Ukraine, Probleme bei den internationalen Lieferketten, die Zinswende sowie die inflationäre Entwicklung - auch beim Baumaterial - haben vielfältige Auswirkungen auf die Baukonjunktur in Deutschland.

Wegen der Probleme bei der Versorgung mit Baumaterial und der Preisentwicklung bei Bauleistungen sowie die allgemein schwächere gesamtkonjunkturelle Entwicklung führen fortlaufend zu Problemen. Die BAUINDUSTRIE hat daher im Oktober ihre Umsatzprognose nach unten revidiert und geht nun davon aus, dass der reale Umsatz im laufenden Jahr um 5 % zurückgehen wird. Hoffnung macht die Zahl der jahresdurchschnittlich Beschäftigten im Bauhauptgewerbe, welche weiter leicht gestiegen ist. Die Stimmung ist eingetrübt. Wir stellen uns auf raue Jahre ein. Es geht darum die gute Substanz der Betriebe der Bauwirtschaft durch die Krise zu bringen und auch deren Investitionsfähigkeit zu erhalten.

Der Koalitionsvertrag in Niedersachsen sieht vor, dass die Mittel im Landesstraßenbauplanfond mind. verstetigt werden. Nach den uns vorliegenden Informationen sollen die Investitionen beim Landesstraßenbau jedoch erheblich gekürzt werden. Bislang lagen diese bei über 100 Mio. €, für 2023 sind nur noch 82 Mio. € vorgesehen.

Wie stehen Sie zu diesem Widerspruch? Planungsmittel werden erhöht, Baumittel werden gesenkt.

Thomas Echterhoff: Planung und Bau sind untrennbar miteinander verbunden. Dies gilt auf der Landesebene genauso wie auf der Bundesebene. Wir begrüßen es daher ausdrücklich, dass die Mittel für die Landesstraßenbauplanung mind. verstetigt werden. Gleiches muss jedoch für die Mittel des Landesstraßenbaus gelten. Planung und Bau sollte immer Hand in Hand gehen, so dass auch genügend Mittel für den Landesstraßenbauhaushalt zur Verfügung steht. Die neue Regierung sollte also auch die Investitionen in den Landesstraßenbau erhöhen.

Welchen Einfluss haben die gestiegenen Materialpreise auf die Bauwirtschaft?

Thomas Echterhoff: Es gibt große Probleme mit der Öffentlichen Hand in Bezug auf Preisanpassungsverlangen der Baufirmen, da im Regelfall auf die vor dem Angriff auf die Ukraine vereinbarten Preise bei andauernden Verträgen bestanden wird. Bei neuen Vergaben wird auch nur in Ausnahmefällen mit der Stoffpreisgleitklausel gearbeitet. Deren Umsetzung und Handhabung wird im Verhältnis zum Nutzen von den Unternehmen kritisch gesehen.  

Die Auswirkungen der gestiegenen Materialpreise und auch fehlender Verfügbarkeiten besonders auf den Wohnungsbau sind bereits deutlich sichtbar. Die steigenden Zinsen treten als Problem hinzu und machen das Bauen zum heutigen Preis sehr schwierig und lassen nun einen Rückgang der Bautätigkeit im Wohnungsbau wahrnehmen.  

In der Infrastruktur sind die notwendigen Investitionen immens. Hier ist angesichts der gestiegenen Preise eine sich abzeichnende Zurückhaltung bei den Vergaben höchst problematisch.

Warum ist Bauen auch unabhängig von gestiegenen Materialpreisen so teuer geworden?

Thomas Echterhoff: Der Baupreis in Deutschland ist meiner Ansicht nach politikgetrieben. Erhöhte technische Anforderungen im Bereich des Wärme- und des Schallschutzes und auch des allerdings notwendigen Brandschutzes treiben den Baupreis in Deutschland in die Höhe. Hochwertige Haustechnikanlagen und der notwendige Verzicht auf fossile Brennstoffe sowie Heizungssysteme und Lüftungsanlagen bei hohen Wärmedämmstandards machen es schlicht unmöglich, in Deutschland preiswert zu bauen. Vielleicht sollte der Fokus stärker auf die große Menge an benötigten Wohnraum und auf intelligentes preiswertes Bauen unter einer Absenkung von technischen Standards und Auflagen wie Park- und Stellflächen gelegt werden.

Der Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung enthält die Ankündigung, dass man auf den Ausbau der Kreislaufwirtschaft, insbesondere des Recyclings, hinwirken will, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Insbesondere die große Menge an Bauabfällen soll stärker als Sekundärrohstoff, gerade auch bei öffentlichen Baumaßnahmen, genutzt werden. Wie beurteilen Sie diese Ankündigung?

Thomas Echterhoff: Zunächst einmal ist zu begrüßen, dass die neue Landesregierung sich dieses Themas verstärkt annehmen will. Man muss dabei aber auch sehen, dass das Niedersächsische Abfallgesetz bereits seit Jahrzehnten die Verpflichtung der öffentlichen Hand enthält, bei der Vergabe von Bauaufträgen Erzeugnisse zu bevorzugen, die aus Abfällen hergestellt wurden, wie es eben bei Recycling-Baustoffen der Fall ist. Dennoch wird in sehr vielen Ausschreibungen noch immer die Verwendung von Recycling-Baustoffen ausgeschlossen, indem die Verwendung von Natursteinen vorgeschrieben wird. Fragt man nach den Gründen, so hört man immer wieder das Argument, bei einer Verwendung von Primärmaterialien sei man qualitätsmäßig und auch in Bezug auf eine sonst mögliche Umwelthaftung auf der sicheren Seite.

Was die Qualitätsstandards betrifft, wird hoffentlich die am 1. August 2023 in Kraft tretende Ersatzbaustoffverordnung, die eine bundesweit einheitliche Güteüberwachung für die Herstellung von RC-Baustoffen vorsieht, Besserung schaffen. Allerdings werden gleichzeitig auch wieder neue Hürden errichtet, indem in der Verordnung umfangreiche Anzeige- und Dokumentationspflichten bei der Verwendung von RC-Baustoffen vorgeschrieben werden.

Niedersachsen sollte darauf hinwirken, dass diese Hemmnisse abgebaut werden und vor allen Dingen eine Regelung eingeführt wird, wonach RC-Baustoffe zukünftig nicht weiter als Abfall, sondern als Produkt gelten.

Welche Forderung würde die niedersächsische Bauwirtschaft an die neue Landesregierung stellen?

Thomas Echterhoff: Unsere neue Landesregierung muss Tempo machen und die Wettbewerbsfähigkeit für die Unternehmen gewährleisten.

Die Bedeutung von Industrie und Wirtschaft für den Standort Niedersachsen ist immens und wird im Koalitionsvertrag auch sichtbar, allerdings ist der Ernst der Lage und die Notwendigkeit schneller Lösungen aus Sicht der Bauindustrie nicht hinreichend dargestellt.

Für wettbewerbsfähige Standortbedingungen brauchen wir vor allem kurzfristig bezahlbare Energie, schnellere Genehmigungsverfahren, einen breiten Bürokratieabbau und eine praxistaugliche Arbeitspolitik. Genau so schnell wie die Energieinfrastruktur muss das Land den Ausbau der Digital- und Verkehrsinfrastruktur vorantreiben. Wenn Niedersachsen dies vernachlässigt, wandern Unternehmen in andere Bundesländer ab, wo sie bessere Standortbedingungen finden.